XL Photography – Art Collection Neue Börse

Aus den Fugen

Martin Liebscher schwenkt die Kamera, bewegt sie durch den Raum oder richtet sie auf bewegte Objekte. Seine Motive findet er in Großstädten, in dem Lebensraum, der ihn umgibt. Seine Kamera,
eine Praktika aus ehemaliger DDR-Produktion, hat Liebscher so umgebaut, dass er bei geöffneter Blende einen ganzen Film von Hand durchspulen kann. Die extrem querformatigen Fotografien, die auf diese Weise entstehen, nennt er „Panoramabilder“. Bei
einer durchschnittlichen Belichtungszeit von rund 15 Sekunden sind drei bis vier Bilder pro Film die Ausbeute. Je nach Richtung und Schnelligkeit der Kamerabewegung haben sie verschiedene Schärfepunkte. Dazwischen beginnen die Raumachsen zu stürzen, die Konturen verschwimmen, einzelne Bildebenen überlagern sich. Die klassische Fotografie fixiert den Augenblick, Martin Liebschers „Panoramabilder“ grenzen ans Filmische, denn sie dramatisieren ihn.

Für Liebscher, der lange Zeit als Filmvorführer in einem Kino gearbeitet hat, besitzen die seltsamen optischen Effekte einen starken ästhetischen Reiz. Viel Spontaneität liegt in ihnen. Was bei den Belichtungen herauskommt, kann er nicht in allen Einzelheiten kalkulieren.

Gleichzeitig wollen die „Panoramabilder“ nachvollziehen, wie wir die Dinge betrachten. Die schwenkbare Kamera-Optik tritt an die
Stelle des menschlichen Auges. „Niemand konzentriert sich zugleich auf sein gesamtes Gesichtsfeld“, sagt Liebscher. „Unsere Augen sind ständig in Bewegung. Sie scannen die Welt um uns herum, verlieben sich in Details, und dann schweifen sie wieder ab. Meine Arbeiten dokumentieren das.“ Die häufigen
Richtungswechsel führen zu den typischen Verwischungen, Dehnungen und Stauchungen in Liebschers Querformaten. Sie verleihen nicht nur dem subjektiven Moment der Wahrnehmung neue Authentizität, sondern zeigen die Welt auch aus einer radikal modernen Perspektive. Die Welt zerfließt in einen Streifen asynchroner optischer Reize. Wo Stabilität fehlt, werden alle Standpunkte flüchtig.

 

Der Katalog
Unter dem Titel „XL Photography – Art Collection Neue Börse“ ist im Verlag hatje/cantz ein umfangreicher englisch/deutscher farbiger Bildband mit einer Einführung von Prof. Dr. Jean-Christophe Ammann, Direktor des Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, erschienen, in dem sämtliche Werke der Sammlung abgebildet sind.

XL Photography
132 Seiten, 32cm x 32cm
Leinen mit Schutzumschlag, 98,00 DM
ISBN 3-775-71003-5
hatje/cantz

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